Abrechnung: Festivals sind für DJs nur noch Schwanzvergleiche

Star DJ hatet seine eigene Szene!

Abrechnung: Festivals sind für DJs nur noch Schwanzvergleiche: Star DJ hatet seine eigene Szene!
Quelle: Future Music Festival 2011 von Eva Rinaldi, Flickr.com. Lizenz: CC BY SA 2.0 und EDM / dance / festival von Patrick Savalle, Flickr.com. Lizenz: CC BY SA 2.0

Hallo, da bin ich wieder. Mein Name ist Gordon. Ich bin die eine Hälfte der Disco Boys. Seit nunmehr 20 Jahren reise ich mit meinem Partner Raphael durch die Republik, um Menschen mittels House Music in Bewegung, Entzückung, Ekstase zu versetzen. Wir sind DJs aus Leidenschaft - nicht aus einem Geltungsbedürfnis heraus oder aus Profitgier. Jedes unserer Sets ist anders. Wir wiederholen uns nicht, sondern versuchen zu jeder Zeit, den am besten passenden Track zu finden und aufzulegen. Erst wenn der ganze Laden tanzt und jeder ein Grinsen im Gesicht hat, sind wir zufrieden. Menschen glücklich. Mission erfüllt. Auf zur nächsten Party.


Mundpropaganda war dabei unser stärkstes Marketing-Tool. Heute redet man nicht mehr, man chattet. Was geht, das steht bei WhatsApp. Oder Du guckst auf Snapchat, wie ich mir Hundeohren mache. Wow! Unser Leben wird zusehends virtueller. Ohne digitale Erinnerung kein Spaß.

Wenn ein Moment nicht geteilt wird, war er wohl nicht wichtig. Aber Achtung: Die Zeit läuft. Es ist dein Leben, dass Du mit Starren in den kleinen Leuchtkasten vergeudest. Kein Wunder, dass immer weniger Kids rauchen: dafür bräuchte man ’ne dritte Hand. Und die Discos sind am Wochenende bestenfalls noch halbvoll. Warum auch ausgehen? Sexpartner findet man genauso bequem online wie die besten Parties der Welt - Livestreaming sei dank. Aber erfüllt es einen, wenn man vorm Bildschirm tanzt und nur so tut, als sei man live dabei?

Das fördert vielleicht das Vorstellungsvermögen, die Fantasie wird möglicherweise angeregt. Boiler Room kann man sich mal ansehen, aber nur wenn es dem Vorglühen dient. Oder befriedigt es Dich, wenn Dein Laptop-Lautsprecher die Club-PA ersetzt und jeglicher Körperkontakt mit Gleichgesinnten ausbleibt? Hat in Deinem Wohnzimmer schon einmal der Schweiß von der Decke getropft? Das ist wohl vergleichbar mit Masturbation statt Sex. Hauptsache sicher ist anscheinend das neue Ding. Ich sage: Raus aus dem Ganzkörper-Kondom und auf zum Festival, bevor der Sommer (sic!) vorbei ist.

Wir durften dieses Jahr wieder beim wunderschönen SonneMondSterne-Festival spielen. Das Wetter war herrlich. Die Durchfahrtsgenehmigung hat funktioniert. Backstage Tom Novy, Domink Eulberg, Boris Dlugosch, Gestört aber Gähn äh Geil, Robin Schulz und Digitalism abgeklatscht und sich dann ins Getümmel geworfen. Wohin?

Natürlich direkt vor die Mainstage. Mal gucken, was der Guetta so kann und ob er wieder so lustige Ansagen macht wie bei der EM Eröffnung - oder ob er wirklich von Otto Waalkes vertreten wird. Wer so viel um den Globus jettet, sollte wirklich über einen wenn nicht gar drei Doppelgänger nachdenken. Und hey, hier im Publikum sieht ja jeder zweite Jüngling ein bisschen aus wie Robin Schulz. Letzterer ist quasi die Vorgruppe des Franzosen. Doch zuvor heizt Frittenbude dem Mob ein, mit echten Instrumenten und echten Parolen von links und dem anderen links. Audiolith, ich hab’ dich lieb. 

Nun aber: Willkommen in der schönen neuen Welt der elektronischen Tanzmusik: DJs sind die neuen Rockstars. Und leider verhalten sie sich auch genauso. Kaum war der letzte Akkord der Frittenbude verklungen, wurden die Instrumente abgeräumt und ein DJ-Pult aufgebaut samt LED-Wänden und Pyrotechnik. Der Umbau dauerte exakt die dafür vorgesehenen 25 Minuten.

Auftritt Robin Sch(n)ulz. Selbstbeweihräucherung nonstop, musikalische Onanie für die Massen, perfekt umgesetzt in Bild und Ton. Nach 75 Minuten und dem obligatorischen Selfie mit der Masse übergab der Osnabrücker mit der Sonnenbrille nicht etwa direkt an den Pariser Kollegen. Nein, für Monsieur Guetta musste zunächst erstmal die gesamte Bühne inklusive des riesigen Backstage-Bereiches geräumt werden. Sogar Robin und seine Entourage wurden des Platzes verwiesen. Derweil wurde das komplette DJ-Pult rausgetragen und binnen 30 Minuten gegen ein ca. fünfmal so großes ausgetauscht. Noch mehr LED, Pyro, Gaga.

Damit auch den Menschen in der letzten Reihe klar wird: Hier kommt er nun, der Star des Abends, des Festivals, des Universums. Sogar die als Pausenclowns von Julian Smith angeführte, aber offenbar nicht offiziell engagierte Jägermeister-Kapelle wurde mitten in einer halsbrecherischen Breakdance-Einlage der Saft abgedreht: Platz da, hier kommt der Europameister, Mr. „Raise The Penis-Banner“, David Guetta

Es ist doch so: Jemand wie DG veröffentlicht Musik. Diese verkauft sich sehr gut und sehr viel. Die Plattenfirma macht, was sie immer macht: Sie schickt ihren Star auf ausverkaufte Tournee, wo exakt dieselben Rituale durchgezogen werden, die seit Jahren im Rockzirkus ihre Gültigkeit haben. Denn man ist längst nicht mehr DJ. Man ist Rockstar. Mindestens. Wegen der ewigen Umbaupausen zwischen den Bands gehe ich nicht mehr auf Rockfestivals. Wie old-school ist bitte eine solche Pause? Wer braucht 30 Minuten Zeit, um zur Besinnung zu kommen? Obwohl: Wenn ich mir manchen Druffi so ansehe, ist eine kleine Pause sicher nicht das Schlechteste… die Leute können sich sammeln, einen heben oder Wasserlassen. Schön, wie bei RTL die Werbeunterbrechung sinnvoll nutzen.

Mich jedoch hat diese Zwangspause immer gestört. Da ist man gerade in Wallung gekommen, ruft lauft Zugabe und platzt fast vor Vorfreude auf die nächste Band - um dann den Roadies beim Ab- und Aufbau zusehen. Manche Feste behelfen sich mit einer zweiten Bühne, was beim ausverkauften Fest an der Bleichlochtalsperre platztechnisch nicht möglich ist. Pünktlich um Mitternacht begann die Show. Und ich gebe zu: Das Warten hatte sich gelohnt. David ist persönlich erschienen, haut erstmal den „Phat Bass“ der Warp Brothers als Geburtstagsständchen raus und gratuliert übers Mikrofon der SMS zum 20. Geburtstag. Très bien. Aber man hätte sich auch einfach den Kopfhörer in die Hand geben und die Party direkt fortsetzen können. Schließlich benutzen so gut wie alle DJs dieselbe Technik.

Leider geht es längst nicht mehr darum, Begeisterung durch Musique Nonstop und Tanz-Trance durch einen endlosen Beat zu erzeugen. Es geht darum, wer mehr Konfetti abfeuert, mehr LED, mehr Pyro, mehr Hits, mehr alles hat - und den größten Tisch auf die größte Bühne bauen darf. Schwanzvergleich 2016. Beim „World Club Dome“ steht das sogar im Line Up: „DJ Change Over“ heißt der DJ, auf den ich lieber verzichten würde. Einfach, weil das allem widerspricht, wofür elektronische Musik einmal stand, nämlich dass alle zusammen rund um die Uhr Spaß haben ohne Unterbrechung. „Peace, Love & Unity“ ja, aber bitte mit Umbaupause. Verwunderlich in Zeiten, wo jeder unterbrechungsfreies Highspeed-WLAN zuhause hat. Geschenkt. 

Auf Knopfdruck rastet das Publikum aus. Gelernt ist gelernt. Das Goutieren diverser Festival-Videos auf YouTube war nicht umsonst. Dort kann man die Pause wenigstens nach 5 Sekunden weg klicken. Put your hands up in the air - and throw your smartphone hinterher. Zusammen ist es am schönsten. Wer hat den längsten Selfiestick? Markierst du mich, markiere ich deine Mutter. Wenn man sich auch untereinander nicht kennt: Man kennt die Rituale.

Die Musik ist da nur noch Beiwerk. Der Beat muss ballern, der Sound muss passen, die Hook bekannt sein. Das ist ein echtes Armutszeugnis für DJs mit einem gewissen Anspruch, die stets schon heute auf der Suche nach dem Hit von morgen sind. Die lieber einen neuen Trend kreieren als irgendeinem hinterherzurennen. Die Musik mit Geschmack präsentieren möchten und nicht die aufgewärmten Tophits der letzten Saison. Früher war die Musik auf einer Scheibe, die man finden und bezahlen musste, heute ist die Musik überall. Sie ist redundant und austauschbar. Hat ein bestimmter Sound Erfolg wird er 100fach kopiert in Echtzeit. Die Trends überholen sich schon selbst.

Überall läuft dasselbe. Sogar im Formatradio dudelt gefühlt nur noch derselbe weichgespülte Beat. Four to the floor around the world. Die Cover-Remake-Bootleg-MashUp-Maschine ächzt und stöhnt. Immer mehr Müll erscheint in immer kürzerer Zeit. Da am Ball zu bleiben ist schlichtweg unmöglich und unnötig. Ich denke, dass man als DJ besser fährt, wenn man sich auf das Echte und Schöne konzentriert. Eine Art musikalisches Manufaktum. Mehr Neugier, weniger Nachmacherei. Die Suche nach ein bisschen Zeitlosigkeit. Oder auch: The Disco Boys Originals.

Foto: Future Music Festival 2011 von Eva Rinaldi, Flickr.com. Lizenz: CC BY SA 2.0 und EDM / dance / festival von Patrick Savalle, Flickr.com. Lizenz: CC BY SA 2.0

 
Bleib immer up to date und erhalte die neuesten Nachrichten von virtualnights auch auf Facebook.
KLICKE AUF
und lies den Artikel weiter.

Für dich neu alle Nachrichten

Login

Jetzt bei virtualnights anmelden:

Passwort vergessen?