Die Musikbranche ist wie ein großer Fischmarkt

Gordon Hollenga über die Kehrseite einer Platte.

Die Musikbranche ist wie ein großer Fischmarkt: Gordon Hollenga über die Kehrseite einer Platte.
Heute lässt uns Gordon Hollenga von The Disco Boys daran teilhaben, wieviel mühevolle Kleinarbeit und Liebe zum Detail dazu gehört eine neue Mix-CD entstehen zu lassen. Für alle, die nach Gordons Kolumne „Warum man besser nicht DJ werden sollte" noch genügend Elan und Muße haben eigene Tracks zu produzieren, die sollten sich das Prozedere mal auf der Zunge zergehen lassen. Denn so sieht die Realität aus. Auch für das neue Album „Volume 14“ von The Disco Boys aus.

Moin Nachtschwärmer,

heute möchte ich Euch ein paar Takte über die Entstehung einer Mix-CD erzählen. Denn ein DJ darf nicht einfach seine aktuellen Favoriten nehmen und sie zusammen mischen, wie es ihm gefällt. Bis es die Mix-CD zu kaufen gibt, wartet viel Arbeit! Über drei Monate vor Veröffentlichung muss sich der DJ überlegen, welche Titel er gerne nehmen würde. Er schickt sie seinem Label, das nun die Aufgabe hat, die Freigabe - also die Lizenz zum Verwenden - einzuholen bei allen Labeln, die auf der Liste unseres DJs stehen. Manche sagen sofort ja, weil sie Buddies vom Label sind oder weil sie sich über die erfreuliche Aussicht freuen, trotz Rezession im Musik-Biz ohne eigenes Zutun ein paar Kröten zu verdienen. Dann gibt es die, die nichts zu verschenken haben, die eine Erlaubnis nur nach Zahlung eines Vorschusses erteilen (der DJ wird dann wahrscheinlich darum gebeten, diese Titel lieber nicht zu verwenden). Andere hüten ihren Katalog wie den heiligen Gral und geben gar nichts frei, schon aus Prinzip nicht. Soll wohl heißen: "Wir sind zu cool für Dich. Ätsch! Bätsch! Bäm!"

Und dann sind da noch die Majors. Wie beim Militär sind das die, die Macht und Einfluss haben. Die ganz oben in der Nahrungskette stehen. Sie verwalten die Hits. Ihr Repertoire bestimmt die Charts. Und wenn mal aus Versehen ein Lied dort landet, dass noch nicht bei einem Major ist, wird es schnell eingekauft. Wer wie wir eine Mix-CD unter Verwendung ausgewählter Major-Titel machen möchte, muss diese rechtzeitig anfragen. Denn die letzten drei Flaggschiffe mit den klingenden Namen „Sony", „Universal" und „Warner" haben sehr, sehr viel Musik an Bord und vertreiben diese weltweit. Es soll schon vorgekommen sein, dass das Veröffentlichungsdatum der Mix-CD verstrichen ist, bevor der mit der Suche beauftragte Major-Matrose den vom DJ gewünschten Hit im Frachtraum gefunden hat. Aber alle Achtung, liebe DJs: Major-Titel unterliegen seit 2 Jahren strengen Vorgaben! Sie dürfen nicht mehr verändert, also gekürzt oder gepitcht werden. Diesen massiven Eingriff in die künstlerische Freiheit muss man entweder schweren Herzens akzeptieren oder aber auf das Major-Material verzichten. Ich wünsche mir beim Universum, dass die Majors diese Regelung zurücknehmen. Denn für DJ-Mix-CDs ist sie großer Käse!

Während die Label miteinander dealen, sitzt der DJ zu Hause und wartet. Ein paar Wochen vor Abgabe des sogenannten Masters (wer jetzt an SM oder "of the universe" denkt, liegt falsch) bekommt er endlich seine Liste zurück und denkt: "Hoppla, die ist ja viel kürzer als vorher! Und wo sind überhaupt meine Lieblingslieder?" Die Liste enthält nun nur noch die Titel, die „frei" sind, die der DJ benutzen und für die Ewigkeit auf CD bannen darf. Nachdem der Ärger über die verbotene Musik verraucht ist, beginnt er mit seinem eigentlichen Job. Er überlegt sich eine stimmige Reihenfolge und mischt, vermischt sich, mischt wieder neu, aaargh, Aufnahmegerät nicht angeschlossen, wieder von vorne, bis er fertig und zufrieden ist. Oder er macht den Mix am Computer. Das dauert zwar wesentlich länger, das Ergebnis wird jedoch wohlklingender, dynamischer und am Ende hoffentlich so perfekt, wie es der freigegebene „Trackpool" zulässt. Um mit dieser romantischen Vorstellung aufzuräumen: Die meisten Mix-CDs entstehen heute am Rechner. Punkt.

Endlich ist der Mix im Kasten! Der DJ hat peinlich genau darauf geachtet, dass er keine Fehler gemacht, alle „Trackmarks" richtig gesetzt, sich nicht beim Eingeben von „CD-Text" vertippt und vor allem die korrekte Reihenfolge der Titel bei seinem Label abgegeben hat. Schließlich steht diese auf der Verpackung, dem „Digipack", das zuerst produziert wird. Viel zu wenig beachtet wird das Booklet. Kein Wunder, denn meistens finden sich hier nur die rechtlichen Angaben zur Musik, die sogenannten „Labelcopies". Nur selten findet man darin persönliche Texte von den DJs. Dabei ist das ein einfaches Mittel, um die CD zu etwas Besonderem zu machen: Das Booklet kann sich niemand herunterladen! Wir schreiben zu jedem einzelnen Titel eine Anekdote oder einen kurzen Text, warum wir diesen betreffenden Song ausgewählt haben. Sicher ist das ein Grund, warum wir unsere mühe- und liebevoll gestalteten Volumes nur einmal per anno und nicht wie vom Fließband vierteljährlich veröffentlichen. So viel gute, zeitlos anmutende oder essentiell wichtige Musik gibt es ohnehin nicht, als das man alle drei Monate 60 neue Titel zusammen bekommen würde, ohne dabei massive Einbußen bei der musikalischen Qualität hinnehmen zu müssen. Zurück zu unserem DJ: Den fertigen Mix schickt er direkt ans Presswerk, wo die CDs gepresst (und nicht gebrannt) werden. Was den Vorteil hat, dass Kauf-CDs Musikdaten wesentlich länger bewahren. Selbstgebrannte Rohlinge sind im Durchschnitt nach 5 Jahren höchstens noch als dekorative Glasuntersetzer oder reflektierende Wandvorhänge zu gebrauchen. Jedenfalls kapituliert mein CD-Player regelmäßig beim Einschieben betagter Selbstgebrannter, als würde er sagen wollen: "Entschuldigung, aber Ihre MP3-Dateien sind abgelaufen!"

Der DJ dreht je nach Gemütszustand mittlerweile am Däumchen oder am Rad. Endlich! Auf Facebook erfährt er circa eine Woche vor der Veröffentlichung, dass seine CD fertig ist. Die Plattenfirma hat nicht ohne Stolz ein Bild davon auf ihrer Seite gepostet - und ihn netterweise markiert. Nun beginnt die Promotion-Maschine zu rattern. Der DJ nutzt seine Auftritte und vor allem seine Pinnwand dafür. Hier teilt er die Links zur CD so lange, bis ihn mindestens eine Hälfte seiner Freunde blockiert, gelöscht oder für geisteskrank erklärt hat. Die andere Hälfte sind die lieben Kollegen, die sich seine CD jedoch nicht kaufen werden. Sie erwarten, dass er ihnen beim nächsten gemeinsamen Gig eine mitbringt. Mit Widmung. Logisch. So läuft das im Bizznizz mit der Hood.

Der Käufer hat es noch schwerer. Er muss sich zwischen zwei Versionen entscheiden: der CD oder dem Download. Die CD kostet um die 20,- €. Der Download verschlingt nur die Hälfte, aber neben den DJ-Mixen gibt's alle Einzeltitel in voller Länge als Bonus obendrauf. Da geht es in der Musikbranche mittlerweile zu wie auf dem Fischmarkt, wo auch gerne gefragt wird: "Darf's ein bisschen mehr sein". Entsteht so nicht der Eindruck, dass bei iTunes die vom DJ sorgfältig ausgewählte Musik verramscht wird? Einzeln veräußert würden die Titel immerhin mit 59,40 € zu Buche schlagen. Die Kollegen unseres DJs wird es freuen: Sie können nun das gleiche Set spielen, wie der DJ auf der Mix-CD. Sie haben legal, mit geringem finanziellen Einsatz eine prall gefüllte, virtuelle Plattenkiste erworben. Ach nee: Kaufen ist ja unter Kollegen nicht. Sorry, Buddy!

In diesem Sinne,

Euer Gordon Hollenga
(The Disco Boys)

"The Disco Boys - Volume 14" ab sofort erhöltlich als 3-fach Mix-CD und Download.

 

Bleib immer up to date und erhalte die neuesten Nachrichten von virtualnights auch auf Facebook.
KLICKE AUF
und lies den Artikel weiter.

Für dich neu alle Nachrichten

Login

Jetzt bei virtualnights anmelden:

Passwort vergessen?