„Ich habe mich von Ketamin ernährt.“

Oli über seinen Leidensweg des Ketamin-Konsums.

„Ich habe mich von Ketamin ernährt.“: Oli über seinen Leidensweg des Ketamin-Konsums.
Quelle: coka/Shutterstock.com
Erst kürzlich äußerte sich Seth Troxler darüber, dass „Ketamin das Heroin unserer Zeit“ sei. Damit beschreibt der DJ exakt das, was in Clubs und auf privaten Sofas abgeht. Der Ketamin-Konsum zieht sich dabei quer durch die Gesellschaft. Doch das Konsumieren über einen langen Zeitraum hat schwerwiegende Folgen für die Betroffenen. Oli* sprach mit uns über seinen Konsum von Ketamin. Eine Leidensgeschichte ohne happy end.
Oli ist groß. Seine Hände sind wie für die Arbeiten eines Schreiners gemacht. Das ist Olis Traumberuf. Doch der große junge Mann wird nie in seinem Beruf arbeiten können. Denn Oli ist krank. Schwer krank. Und zwar durch seine eigene Schuld.

Alles begann vor vier Jahren, als Oli durch Zufall zwei Jungs kennenlernte. Damals hatte der 21-Jährige bereits erste Erfahrungen mit Drogen gemacht. Ein sogenannten Trip war ihm also nichts Neues. Und so kam es, wie es kommen musste und Oli schnupfte eine Nase von dem weißem Zeug, was er zuvor noch nie genommen hatte: „Es hat sich alles total komisch angefühlt. Ich bin wie auf Watte gelaufen und habe die Welt nur noch in Mosaiksteinen gesehen. Total abgefahren", erinnert sich Oli an seine erste Nase Ketamin zurück.

Ketamin, auch Special K genannt, ist eigentlich ein Narkotikum und wird vorwiegend in der Tiermedizin verwendet. Die meisten Konsumenten schnupfen es, nachdem sie den flüssigen Inhalt des Narkosemittels-Fläschchens erhitzt und pulverisiert haben. Einige wenige inhalieren das Mittel auch durch einen Zerstäuber, wie er zum Beispiel bei Nasenspray verwendet wird. In den seltensten Fällen spritzen Konsumenten das Mittel. 

Bei Oli ging alles ganz schnell. Nachdem sein erster Turn bereits nach nur zwanzig Minuten nachließ, wollte er mehr. Seine nächste „Nase“ war fast doppelt so dick, wie seine erste: „Ich wusste nicht mehr, ob ich stehe, liege, lebe oder tot bin. Ich habe nur noch die Stimmen von den Jungs um mich herum gehört. Aber ich konnte nichts mehr sehen oder fühlen. So wie in Narkose.“ 

Den Zustand, den Oli beschreibt, nennt man K-Hole. Ein Zwischenzustand von Narkose und Wachheit. Der Betroffene hat gerade so viel eingenommen, dass er noch bei Bewusstsein ist, aber seine Sinne betäubt sind. Daher auch das Blindheits- und Taubheitsgefühl. „Wenn du diesen Zustand einmal erreicht hast, willst du nichts anderes mehr", beschreibt der ehemalige Konsument seinen Rausch.

Vier Jahre ginge das so. Tagein, tagaus. Oli habe sich nur noch Geld für den nächsten Turn besorgt, um das Gefühl von Schwerelosigkeit und Abwesenheit zu erleben: „Ich wollte immer mehr, weil ich meine Probleme versucht habe damit zu betäuben. Irgendwann habe ich mir das Zeug in ein Nasenspray gepackt und es mitten auf der Straßen genommen. Hat ja niemand gemerkt“, erzählt der große Blonde fast entschuldigend über seinen Konsum. „Ich habe mich von Ketamin ernährt“, so Oli weiter.

Doch sein Dauerkonsum hatte schwerwiegende Folgen. Als Oli eines Tages über Schmerzen beim Wasserlassen klagt, ignoriert er zuerst die Warnungen seines Körpers. Ein paar Wochen später ist sein Urin von Blut verfärbt. Mittlerweile geht der inzwischen 24-Jährige nur noch selten auf die Toilette. Er vermeidet es sogar Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Zu stark sind die Schmerzen und die Angst davor etwas Schlimmeres zu haben. Erst als er bewusstlos wird, rufen seine Freunde einen Krankenwagen. Im Krankenhaus dann die folgenschwere Diagnose: Seine Blase habe sich fast vollständig zersetzt. Der Grund: Das Ketamin habe seine Zellen angegriffen. Daraufhin entfernte man ihm das Organ vollständig. Oli ist am Ende seiner Kräfte und Nerven.

Knapp ein Jahr später trifft man Oli nur noch mit einem künstlichen Blasenausgang. Sein Beutel stets dabei, muss er seinen Urin händisch in einem Plastiksack sammeln. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Oli lernt schon lange keine Frau mehr kennen und auch arbeiten darf er mit dieser Behinderung nicht. Oli war einmal ein fröhlicher und großer blonder Mann. Jetzt sieht man Oli geknickt und klein vor Scharm. Denn Oli hat sich für vier Jahre Spaß sein ganzes Leben ruiniert. Heute weiß er, dass er „das Zeug nie wieder anrühren" würde. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Für Oli und diese Geschichte gibt es leider kein happy end.


*Name von der Redaktion geändert

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