Gordon über den Untergang der Clubkultur

Promi-DJs & Laptop-Athleten: War früher alles besser?

Gordon über den Untergang der Clubkultur: Promi-DJs & Laptop-Athleten: War früher alles besser?

Kurz vor Weihnachten schickte uns Gordon von den Disco Boys mit seiner Jahresabschussliste 2014 in die Winterpause. Jetzt hat unser Gast-Kolumnist wieder in die Tasten gehauen, um knallhart mit der heutigen Party- und Musikszene abzurechnen. War früher wirklich alles besser? 

Früher war mitnichten alles besser. Die Vergangenheit wird oft verklärt. Eine der besseren menschlichen Eigenschaften ist, schlechte Erlebnisse zu vergessen und nur die guten zu behalten. Früher waren es lange Schlangen vor den Clubs, in die man sich einreihen musste, ob man wollte oder nicht, um dann auf die Gnade des Türstehers zu hoffen. Heute braucht man das nicht mehr, denn diese Schlangenart ist so gut wie ausgestorben. Früher tanzte man einfach zu dem, was der DJ auflegte - oder wartete am Tresen auf das nächste gute Lied. Heute läuft verlässlich überall dasselbe. Und wenn der Beat aussetzt: Smartphone raus. Gucken, was die anderen gerade machen oder wie der Track gerade heißt - dank Shazam ist die Musik des DJs kein Mysterium mehr.

Es gibt immer was zu tun. Sich fallen lassen und exzessiv feiern, das macht man heutzutage nicht mehr. Was sollen denn die Leute denken? Filmt da wer? Wie peinlich wäre das denn? Früher war es dem DJ gestattet, ein Set über viele Stunden aufzubauen. Heute jagt ein Knaller den nächsten. Muss. Sonst ist langweilig. Und außerdem ist in 45 Minuten schon der nächste Laptop-Athlet dran. Früher ging man nach Hause, wenn die Party zu Ende war. Voll anstrengend! Heute reicht die Feierkraft maximal noch bis fünf. In der Kürze liegt die Würze! Man muss ja früh raus, sonst verpasst man womöglich ein wichtiges Posting! 

Früher legten DJs jahrelang unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit für die Menschen auf der Tanzfläche auf. Mit Geduld und verlässlicher Arbeit wurde man dann vielleicht mal andernorts gebucht. Heute ist der Weg in den DJ-Olymp sehr viel kürzer. Man nehme ein mehr oder weniger bekanntes Lied, unterlege es mit einem fluffigen Housebeat und präsentiere es der Öffentlichkeit via YouTube oder Soundcloud. Nicht vergessen, den eigenen Namen groß drauf zu schreiben - schon hagelt es erst Klicks, dann Bookings. So werden heute Arena-füllende, Monster-Gagen aufrufende Weltstars geboren!

Der alternative Weg dorthin führt übers Fernsehen. Gehe als Z-Promi 14 Tage in den Dschungel - und komme als DJ wieder heraus. Nach dem Motto „Wer nichts wird, wird DJ“. So wird aktuell leider ein ganzer Berufszweig ernsthaft ins Lächerliche gezogen. Von mir aus sollen diese Menschen auf Partys gehen und ihre 15 Minuten Ruhm im VIP-Bereich und vor der Kamera ausleben, aber niemand von denen hat ernsthaft etwas in der DJ-Kanzel verloren. Clubs, die solche Leute als DJ buchen, verraten unsere Kultur. Sie graben sich ihr eigenes Grab. Diese Art von Spektakel findet zum Glück nur in musikalisch nicht maßgeblichen Diskotheken statt, wo am nächsten Wochenende alles vergessen ist und eine „1-Euro“-, „Titten-raus“- oder Flirt-Party gefeiert wird. Das war also auch nicht besser früher, das war einfach nicht existent. Kann man also nicht vergleichen.



Früher hatten DJs „Rücken“. Wer sich keinen Plattenkoffer-Träger leisten konnte, brauchte einen guten Orthopäden. Trotzdem hatte man zum Gig nur circa 100 Scheiben dabei. Heute passt ein ganzer Plattenschrank in die Hosentasche. Dumm nur, wenn man seinen USB-Stick verliert. Ein weiterer Nachteil ist natürlich, dass einen der Türsteher aufgrund des fehlenden Koffers nicht mehr erkennt und unter Umständen nicht reinlässt. Darum sollte man einen großen Kopfhörer um den Hals tragen, wenn man zur Nachtschicht aufbricht. Früher konnte man als DJ Flyer verteilen oder Slipmats mit seinem Namen auf die 1210er legen (das waren Maxi-Single-große Filzscheiben, ohne die Mixing und Scratching mit Vinyl unmöglich war). Heute braucht, wer DJ werden will, erst einmal ein Super-Logo und ein paar Selfies aus der DJ-Booth, die im Netz für ordentlich Furore sorgen. Es reicht, wenn alle denken: geiler Typ!

Früher musste man sich Wochenende für Wochenende seine Crowd erspielen - es ging nur um die Musik. Punkt. Heute feiert man jeden Tag im Netz, wie toll man ist - alles für ein paar Klicks mehr. Das ist die neue Währung. Je mehr „Likes“ Du hast, desto öfter wirst Du gebucht. Zieh' Dich aus und poste Dein Leben, dann bist auch Du bald Klick-Millionär und fährst im Express-Lift zum Mainfloor, wo Du natürlich nur zur Peaktime so gnädig sein wirst, Deinen Rechner aufzuklappen. Besorge Dir aber vor dem ersten Gig noch einen fähigen Manager - denn nur dann kannst Du in Ruhe den Startknopf drücken, um Dein in mühsamer Heimarbeit vorbereitetes Set abzunudeln. Schöne, neue Welt, in der eigentlich nicht multitasking-fähige Jungs gleichzeitig Musik auflegen, Konfetti-Kanonen abfeuern, Fotos machen und online sein können. Nie war Geld verdienen so einfach! 

Früher gab es nur ein paar Auserwählte, die die heißen Promos auf Vinyl als erste hatten. Heute herrscht fröhlicher Musik-Kommunismus. Free Download forever! Streaming rules! Musik ist für alle da! Es ist ein Schlaraffenland für den auflegenden Teil der Menschheit. Aber wie lange wird es noch Musikschaffende geben, die Ihre Arbeit im Netz herschenken? MP3s kann man leider nicht essen. Früher mussten Platten noch im Laden aus Amerika bestellt werden. Bis man das heiß ersehnte Stück auflegen konnte, vergingen oft Wochen. Heute ist alles für immer online verfügbar. Nur auswählen und runterladen musst Du noch selbst. Bei zippyshare findet man immer was. Oder besorge Dir einen Praktikanten, der Dir Deine Promos lädt, den Standard-Satz "Downloading for GOD" ins Kommentar-Feld kopiert und Dir Dein Set fürs Wochenende vorbereitet. Passt schon. Läuft ja eh überall dasselbe. Du kannst Dich dann um Wichtigeres kümmern: das nächste Interview, eine Runde "GTA", den Termin mit Deinem Stylisten, ach ja: Maniküre, whatever! Deine Radiomixe erstellt Dir bequem die Software Mixmeister - fast von selbst und viel schneller als von Hand gemischt. Gewusst wie. Macht ja nichts, merkt ja keiner.


Früher gab es Selbstdarsteller auf der Tanzfläche. Heute ist jeder einer - zumindest virtuell. Früher feierte man unter sich. Heute ist die ganze Welt dabei - zumindest theoretisch. Früher flüchtete man vor den Kameras von der Tanzfläche. Heute wird sich davor gedrängelt. Früher fühlte man sich wohl im Underground, zelebrierte sein ganz persönliches Anderssein mit Gleichgesinnten. Heute ist alles Mainstream. Und wenn noch nicht jetzt, dann spätestens morgen. Alles passiert in Realtime, live sozusagen. Lass die Timeline bloß offen. Sonst verpasst Du das lustige Shuffle-Video, Essens-Foto, Turnschuh-Bild. Das ist so krass, das musst Du klicken! Ablenkung wird heute endlich groß geschrieben. ADHS ist keine Krankheit mehr, sondern Dauerzustand. 

Früher gab es so etwas wie Clubkultur. Zumindest wird das heute, 20 Jahre später, so genannt. Damals war man einfach dabei, Teil des Ganzen, von Donnerstag „Opera House“ bis Sonntag "Sweet Sundays" unterwegs. Rituale waren wichtig genauso wie echte Freunde zum Anfassen oder Antanzen. Heute hat man viele hundert Freunde online, da reicht die Zeit höchstens für ein paar Minuten auf dem Dancefloor Samstag Nacht. Kurz beweisen, dass auch Du da warst via Selfie auf Instagram und spätestens, wenn der Mainact das Gebäude verlässt, sitzt auch Du im Nachtbus nach Hause. Vernunft ist der größte Feind von Exzess. Darum lässt Du es heute lieber in der O2-World krachen statt im Schmuddel-Underground-Club auf dem Kiez. 

Wenn der DJ für 15.000 Leute auflegt und nur 75 EUR Deines hart erarbeiteten Lohns dafür als Eintritt verlangt, muss es gut sein! Und das Beste: Jeder der ein Ticket hat, kommt rein. Es gibt keinen Selekteur an der Tür, dafür Gin Tonic aus Plastikbechern. Party auf Knopfdruck. Instant-Clubkultur für die Massen. Feierei von 20 bis 22 Uhr - durchgetaktet, perfekt auf den Punkt dargeboten. Der Mensch als Maschine. Das ist modern. So muss das heute! Früher gab es nur Kraftwerk. Heute bastelt jeder an der eigenen Unsterblichkeit.

Früher gab es keine Gästeliste. Es gab ja nicht mal Handy oder E-Mail. Wenn Du also nicht zufällig den DJ im Plattenladen getroffen hast oder die Festnetznummer des Clubbesitzers kanntest, musstest Du Dich brav in die Schlange stellen und Eintritt zahlen. Feiern war teuer, man könnte auch sagen: wertvoll. Heute kann im Prinzip jeder jeden anschreiben (der beste Beweis ist doch diese E-Mail!). Die verlinkte Welt ist so herrlich unkompliziert, man könnte auch sagen: oberflächlich.

Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. War man früher dankbar, überhaupt in den Club rein zu kommen, darf heute der Clubmacher froh sein, wenn sich überhaupt noch ein paar zahlende Gäste in seinen Laden verirren. Natürlich übertreibe ich, weil: Das macht anschaulich. Spontanität gibt es nicht mehr. Überraschungen sind überbewertet. Jeder kennt sich aus. Jeder weiß Bescheid. Jeder hat einen Plan. Alles wird vorher ausgemacht. Dass Dabeisein ist längst nicht mehr so wichtig wie das Dokumentieren seines Daseins. Keine Ahnung, was das mit uns Menschen macht. Ich glaube, dass wir dabei sind eine wichtige Eigenschaft zu verlernen: das Genießen. Wir sind Getriebene, ständig auf der Suche nach was auch immer. Ob wir jemals ankommen werden? Und wenn ja: Erkennen wir, dass wir am Ziel sind? Woher soll ich das bitte wissen. Was ich weiß: Früher ist vorbei. Was zählt ist das Hier und Jetzt. Darum hilft es heute so zu feiern, als gäbe es kein Morgen mehr.

Zum Beispiel hier:

Samstag, 07.03.2015 | 20 Uhr
The Disco Boys @ Krefelder Rennbahn
An der Rennbahn 4 | 47800 Krefeld
https://www.facebook.com/events/1392488370999865/ 

Donnerstag, 12.03.2015 | 21 Uhr
The Disco Boys @ Showarena Ischgl
Dorfstraße | 6561 Ischgl | Österreich
https://www.facebook.com/events/427389967427222/ 

 
Freitag, 13.03.2015 | 22 Uhr
The Disco Boys @ Katapult Sölden
Dorfstraße 9 | 6450 Sölden | Österreich
https://www.facebook.com/events/786444384785295/ 

 
Alle Termine findet ihre auch noch einmal hier.  


Fotos: Facebook & virtualnights.com

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