Techno: "Drecks-Musik für zugedröhnte Vollidioten"
Der "Soundtrack der Verblödung".

Es gibt immer noch viele, meist ältere Menschen, die mit Techno - oder wie sie zu sagen pflegen "BumBum-Musik" - nichts anfangen können. Dabei ist die elektronische Musik an sich mit all ihren Facetten längst salonfähig und berieselt uns in beinahe allen Lebenslagen, sei es im Café, bei Ausstellungen, selbst im Einkaufszenrum ertönt sie im Hintergrund. Und doch gibt es sie noch, die Anti-Techno-Verfechter, wie Iris Hanika eine ist.
Auf dem österreichischen Portal derStandart.at bekommen wechselnde Schriftsteller die Möglichkeit, sich über ein Thema ihrer Wahl auszulassen. Iris Hanika wählte den "Techno-Dreck". Warum? Ganz einfach: Sie fragt sich nämlich, wie die Leute das aushalten würden, die "Nachbarn, die Leute, die im linken Nebenhaus im Dachgeschoß, und die, die zwei Häuser nach rechts im dritten Stock wohnen". Aber sie fragt sich auch, "warum die sich Techno nicht in der Disco ('Club') anhören, sondern daheim in ihren Wohnzimmern, ... wobei es sich bei der Wohnzimmerversion auch noch um besonders dumpfbackige Varianten dieser sogenannten Musik handelt."
Techno sei die schrecklichste sogenannte Musik, die es gibt. Sie betont "'Sogenannte' nenne ich jede Musik, die einem Herz und Hirn nicht öffnet, sondern abschaltet." Mit ihrer Heimatstadt Berlin, die für ihre Open-Airs und illegalen Partys bekannt ist, hat sie für ihre Anti-Techno-Theorie wahrlich nicht das große Los gezogen. Ihre Meinung zu Techno entstand nämlich während einer lauen Sommernacht, als sie mit ihrem Fahrrad am Spreeufer entlang fuhr und aus einem alten Industriegebäude Lärm herausdröhnte, "als würde dort noch produziert."
Dass Techno nichts Gutes sei, konnte "man schon in seiner Blütezeit erkennen, als in Berlin jährlich eine Love Parade veranstaltet wurde, die Horden von mit Drogen zugedröhnten halbnackten Vollidioten einen Tag lang die Gelegenheit gab, die zentrale Grünfläche der Stadt zu verwüsten." Generell verstünde sie nicht, warum der Techno-Umzug überhaupt "Love Parade" hieße. "In einem mit eisernen Ringen zusammengedrückten Brustkorb" könne sich doch keine Liebe entfalten.
Techno sei zudem der "Soundtrack der Verblödung", klare Gedanken nicht erwünscht. Man könne sich dabei ohnehin nicht konzentrieren. Dabei kommt ihr die Frage in den Sinn: "Muss man verblödet sein, um sich schon am helllichten Tag diesem Frontalangriff auf die Grundfunktionen des Körpers auszusetzen, oder verblödet man erst, indem man das tut?"
An dieser Stelle zitieren wir doch gerne Herrn Hans Nieswandt, der in seinem Buch "Disko Ramallah" so schön schreibt: "Bei elektronischer Musik dagegen gibt es keine Themen, sondern genau wie in der abstrakten Malerei nur Farben, Strukturen und einen von Künstler zu Künstler verschiedenen Duktus. Ihre einzige Aussage ist: Ich bin hochmoderne und schlaue Funktionsmusik!" Und bedanken uns recht herzlich für diesen amüsanten Artikel. Mit Hochachtung, die "halbnackten Vollidioten".
Liebe Techno-Freunde, es tut mir leid, daß ich die Teilnehmer der Berliner Love Parades der neunziger Jahre als zugedröhnte Vollidioten bezeichnet habe. Das geschah, weil ich meinen Text aufgrund der Beschallungssituation meines Arbeitszimmers in einem Zustand der Notwehr schrieb. Auch wußte ich nicht, daß es sich bei Techno um eine Lebensform handelt, statt nur um lebensbedrohliche Elektrobässe, sonst hätte ich die Aufregung voraussehen können und vermieden. Mit anderen Worten: natürlich habe ich keine Ahnung von Techno; ich kriege ja nichts davon mit als diese schrecklichen Bässe in unmenschlicher Geschwindigkeit, vor denen ich fliehe, sofern es möglich ist. Seien Sie freundlich gegrüßt von Ihrer Iris Hanika
Foto Loveparade 2006: Flickr.com/ Juska Wendland
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