Themen: Festival, Open Air, Illegal
Warum wir illegale Festivals lieben
Sonne, Musik und eine große Familie.

Auf dem Bahnsteig ist nur ein kleines Zeichen aus Kreide zu finden. Der Pfeil zeigt nach Westen und weist den Weg auf eine Wiese. Danach gibt es keine weiteren Zeichen. Nur der Bass ist in der Ferne zu hören. Leise wummert er hinter Büschen und Hecken, Zäunen und Brücken. Dann ist endlich soweit. Ein kleiner Platz unterhalb einer Autobrücke erstreckt sich, auf dem sich bereits mehrere hundert Menschen versammelt haben. Endlich sind wir auf dem illegalen Festival!
Mit Decken und Kissen, auf Kästen und alten Laken haben sie es sich gemütlich gemacht. Die einen chillen im Liegen unter blauem Himmel, die anderen bewegen sich im Takt zur Musik. Es gibt Kinder und Hunde und einen großen Kühlschrank, bei dem sich jeder Bier und Limo gegen einen Beitrag in die Vertrauenskasse nehmen kann. Der DJ trägt ein viel zu großes Muskelshirt über seine ausgeblichene Jogginghose. Schuhe sucht man vergebens, denn die braucht man auf illegalen Festivals nicht. Überhaupt gibt es weder Dresscode noch Hipster-Getue. Denn hier sind alle gleich.
Wer nicht mehr tanzt, setzt sich zu ein paar Leuten auf die Wiese. Die Getränke werden brüderlich geteilt. Jeder nimmt von jedem einen Schluck. Denn genau das macht illegale Festivals aus: Man rückt zusammen, man lernt sich kennen, man teilt das gleiche Geheimnis des illegalen Events miteinander. Niemand wird hier laut, muss sich profilieren oder den DJ vollquatschen, was er spielen soll. Alles ist gut so, wie es ist. Es fühlt sich ein wenig wie DDR an. Nur dass dort nicht alles gut war. Aber immerhin hielt man zusammen, redete nicht schlecht und war genau so wichtig wie der Nachbar von gegenüber. 
Die Sonne hat ihren Zenit längst verlassen. Das Facebook-Event wurde längst gelöscht. Und trotzdem strömen immer mehr Menschen auf den kleinen Platz unter die Brücke. Alle sind verschwitzt und haben trotzdem gute Laune. Die Alten werden traurig verabschiedet, die neuen Gäste freudig aufgenommen. Alle lachen sich an, niemand wird ausgestoßen oder anders behandelt. Die homogene Masse bewegt sich im Gleichtakt zur Sonnenuntgangs-Musik. Als der letzte Bass ertönt, packen alle mit an. Der Müll, die Technik, der Kühlschrank - alles wird gemeinsam weggebracht. Bis es am Ende wieder so aussieht, wie man die Location vorgefunden hat. Meist ist es hinterher sogar noch sauberer, als zuvor. Aber auch das macht hier niemandem etwas. Denn dafür, dass wir hier illegal Party machen dürfen, heben wir auch gerne ein bisschen mehr Müll auf.
Gezeichnet,
Ein illegaler Festival-Fan
Foto: virtualnights.com








