Themen: Westbam, Mayday, Interview, Gespräch
Westbam im Interview: Was er uns verriet
Das hat der Vater der Mayday noch zu sagen.

virtualnights: Wir waren alle über deinen Ausstieg bei der Mayday überrascht und haben uns natürlich gefragt, wie es plötzlich zu deinem Schritt kam und welche Rolle du überhaupt noch bei der Mayday gespielt hast?
Westbam: Meine großen Skrupel waren am ehesten davor, weil die Mayday etwas ist, was man selbst gegründet hat und wo man über 20 Jahre dabei ist. Da hängt man schon ein bisschen dran. Ich musste meine Energie zusammennehmen, um zu sagen „jetzt ist Schluss“. Meine Ängste gingen dabei nie um meine Karriere oder ob ich mich jetzt mit den großen Konzernen anlege. Meine Leute sind mit mir und die verstehen, warum ich das mache. Für sie sollte es immer ok sein, warum man etwas macht oder warum man etwas nicht macht. So sehe ich das. Sonst sind es auch nicht meine Leute. Ich erwarte auch nicht, dass jetzt alle Applaus klatschen. Das kann ja jeder sehen, wie er mag. Ich sage auch nicht, dass keiner mehr zur Mayday gehen soll. Ich denke, für jeden Menschen gilt das Recht der Selbstbestimmtheit. Deshalb habe ich zu dem Thema einfach nur gesagt, was ich zu sagen hatte. Wie das jeder für sich wertet, bleibt jedem selbst überlassen.
virtualnights: So sehr selbstbestimmt klingt das nicht. Konntest du überhaupt noch frei agieren?
Westbam: Ich war selbstbestimmt in den Dingen, die ich auf der Mayday gemacht habe. Das waren konkret meine DJ Sets und meine Musik, die ich für die Members of Mayday gemacht habe. Aber das war dann auch alles. Es war schon immer so, dass mir alle reinreden wollten. So, wie I-Motion es auch öffentlich gesagt hat, dass ich mir da nicht reinreden lassen habe. Das ist völlig richtig. Ich habe mich nie als Auftragsarbeiter gesehen, denn als Künstler sollte man autonom sein. Und auf alles Andere habe ich wirklich keinen Bock.
virtualnights: Du machst also Musik für die Herzen und nicht für die Geldbörsen?
Westbam: Also, ich mag schon funktionelle Musik und eine Hymne hat für mich auch eine bestimmte Begrenzung. Wenn du irgendetwas machst und du bist dabei nicht vollständig frei, also eine Art Werbemusiker, der den Werbetrack auf Bestellung für eine große Party auf Bestellung abliefert, das ist nicht cool. Und ich glaube auch nicht, dass das funktioniert.
virtualnights: Das hört sich so an, als hättest du schon länger mit dem Gedanken gespielt bei der Mayday aufzuhören?
Westbam: Mit dem Gedanken gespielt habe ich schon über Jahre. Den mangelnden Reskept gegenüber dem, was die Mayday darstellt, empfand ich schon lange als respektlos und stumpf. Und da bin ich immer mal mit I-Motion aneinander geraten. Die Stimmung war bereits über Jahre ein bisschen gereizt, was bestimmt auf Gegenseitigkeit beruhte. I-Motion war sicher nicht so ganz glücklich, was ich gemacht habe und ich war nicht so ganz glücklich, was sie mit der Party gemacht haben. Es war also keine Idee, die in den Himmel geschossen war. Zuletzt gab es einen Streit mit I-Motion in einem Briefwechsel mit meinem Booker und da habe ich mir nur gedacht „was für Säcke“! Das war im Dezember und ich habe dann irgendwann gesehen, dass I-Motion kleine Probeartworks raus gab mit „Rebels Of Mayday“, wo die Leute sich gefragt haben, warum Westbam nicht mit beim Line-Up auftaucht? An dieser Stelle war es an der Zeit den Leuten auch mal meine Seite der Medaille zu zeigen.
virtualnights: Man kann also sagen, dass ihr ein ungleiches Paar ward, ähnlich wie in einer Beziehung?
Westbam: Ja klar. Das ist ja alles miteinander verwandt. Manche Sachen passen eben besser und andere schlechter zusammen. Und wir haben da eindeutig schlechter zusammengepasst.
virtualnights: Wie siehst du denn die generelle Entwicklung der EDM-Szene?
westbam: Als diese EDM-Welle zu uns kam, hatte sie eine Art Charme für mich. Was dann daraus wurde, fand ich einen Moment lang interessant und spannend, aber mittlerweile ist das für mich brutal umgekippt. Alleine wenn man sich die Beatport-Charts anhört. Es wäre meine Hoffnung und mein Wille, dass wir hier nicht danach tanzen, was die großen Firmen wie SFX Entertainment einem diktieren. Meine Lebenserfahrung sagt mir nämlich etwas Anderes: Große Firmen haben in Deutschland weder Techno erfunden, noch sonst etwas! Ich glaube nicht an die Kultur von oben. Ich glaube aber daran, dass die Kids sich selbst aussuchen, was sie hören wollen.
virtualnights: Du bist also skeptisch, was den derzeitigen EDM-Trend angeht?
Westbam: Man muss immer hinterfragen, ob das die neue Welt ist oder nicht. Es gibt andere Beispiele, die Milliarden dafür ausgegeben haben hier Fuß zu fassen und haben es dennoch nicht geschafft, wie z.B. Walmart. Du kannst so viel Geld haben, wie du willst. Wenn die Kids es nicht wollen, dann wird das auch nichts. Es wird sicher viel Power hinter die Mayday gesetzt und es wird auch Leute geben, die es gut finden werden. Für mich ist der Aspekt der Gegenbewegung viel spannender, wenn etwas zu doll verkauft werden soll. Ich denke einfach und hoffe, dass wenn etwas zu aufdringlich ist, dass es genau diese Wirkung hat.
virtualnights: Das heißt, du prognostizierst der Mayday keine rosigen Aussichten?
Westbam: Also wollen wir mal sehen. Wenn man mal die massiven Reaktionen auf meinen Rückzug betrachtet, dann sehe ich das nicht als persönliche Schmeichelei, sondern dass die Leute ein ganz persönliches Gespür dafür haben, welcher Wind da jetzt kommt und dass sie damit nicht einverstanden sind. I-Motion macht derzeit die Schotten dicht, indem sie die Kommentare sperren und sagen, dass es keinen interessiert. Andererseits scheint es so viele Leute zu interessieren, dass sie ihre Scheuklappen öffnen. Das ist doch beachtlich. Wie gesagt, ich sehe in solchen Sachen immer auch eine Chance. Und da denke ich immer, dass es einfach genügend Leute gibt, die sagen, dass sie das nicht wollen und dass sie was Besseres haben.
virtualnights: Dazu passen unsere kleinen Fragen perfekt! Bitte antworte kurz, welcher Begriff besser auf dich zutrifft:
virtualnights: Beruf oder Berufung?
westbam: Berufung!
virtualnights: Europa oder USA?
westbam: Ganz klar Europa!
virtualnights: Tag oder Nacht?
westbam: Tagmensch!
virtualnights: Fliegen oder fahren?
westbam: Lieber fahren!
virtualnights: Sekt oder Selters?
westbam: Selters! Von Sekt bekomme ich Sodbrennen. (lacht)
virtualnights: 90er oder 2000er?
westbam: Das finde ich ganz schwierig. Meinen Karrierehöhepunkt hatte ich in den 90ern. Aber die 2000er sind auch sehr interessant, weil es heute eine etablierte Technowelt gibt. Das gilt für mich nach Jahren und nach Jahrzenten und das gilt auch für alle die jungen Leute, die ihren Punkt in dieser Welt machn möchten. Denen rate ich nicht mit den Wölfen zu tanzen.
virtualnights: Dazu möchten wir gerne noch wissen, was uns bei deinem neuen Projekt „Uebersound“ erwartet?
Westbam: Ich weiß nocht nicht genau, was uns erwartet. Das ist eine ähnliche Spinnerei, wie damals bei der Mayday. (schweigt)
virtualnights: Wir sind gespannt. Wo können wir dich denn demnächst erwarten?
Westbam: Der ganze Sommer ist mit Festivals zu. Das ist übrigens eine spannende Entwicklung der letzten Jahre - die Vermischung von Rock und elektronischer Musik. Und da sehe ich mich eher, als in einer Trancehalle. Ich arbeite außerdem an meinem Buch „3000 und eine Nacht“.
virtualnights: Wir danken dir sehr für dein Interview und natürlich auch für 20 Jahre Mayday und wünschen dir alles erdenklich Gute für deinen weiteren Weg.
Westbam: Vielen Dank!








